Antisemitismus in der DDR (?)

Die wenigen in der DDR lebenden Juden bekamen das ihnen gegenüber geschürte Misstrauen vielfältig zu spüren. Ihr Verfolgungsschicksal wurde weitgehend ignoriert und tabuisiert, Restitutionszahlungen für die Überlebenden des Holocaust wurden kategorisch abgelehnt.

14.11.2016, von Andrea Hopp

© Falk Orth DDR-Grenzstein

Dem eigenen Anspruch nach war die DDR ein antifaschistischer Staat ohne Antisemitismus. Spätestens die seit Ende der 1940er Jahre einsetzende Kampagne gegen Kosmopolitismus und Zionismus machte indessen deutlich, dass dem eine defizitäre Wirklichkeit gegenüberstand. Geschichtspolitisch stets aufs Neue bedient, gab es Judenfeindschaft in der DDR als Ressentiment in einer spezifischen Ausprägung: einem antisemitischen Antizionismus von links, der an bestehende Vorbehalte anknüpfte. Nachzulesen ist darüber in dem Sammelband zu einer Konferenz mit Beiträgen von Thomas Haury über Marxismus-Leninismus und Antisemitismus, von Wolfgang Benz über den Antifaschismus-Mythos der DDR, von Jochen Staadt über die SED-Geschichtspolitik und ihre Folgen im Alltag, von Philipp Graf über Erinnerungskultur in der DDR am Beispiel von Anna Seghers sowie von Armin Pfahl-Traughber über Antisemitismus im Links- und Rechtsextremismus im Vergleich. An jeden Text schließt sich eine ebenfalls abgedruckte Podiumsdiskussion mit Fachleuten an. Die Beiträge und Debatten decken ein breites Spektrum ab, und mit vergleichenden, differenzierenden Seitenblicken auf die wahrlich nicht problemarmen Entwicklungen in der Bundesrepublik fügen sie sich zu einem facettenreichen Bild.

Es offenbart für den SED-Staat ebenso frappierend konsequente wie folgenreiche Handlungsmuster, wenn es darum ging, eine Entlarvung seiner angeblichen moralischen Überlegenheit zu verhindern. Zu den Auswirkungen zählte eine nachhaltige Blockierung der seit Ende der 1950er Jahre in Westdeutschland einsetzenden juristischen Auseinandersetzung mit den Tätern des NS-Regimes. Um keine Rufschädigung zu riskieren, durften Zeugen, die potentiell durch eine Aussage ihre eigene NS-Vergangenheit enthüllen würden, beispielsweise in den 1960er Jahren aus der DDR nicht zum Frankfurter Auschwitz-Prozess reisen. Aus demselben Grund wurde Beweismaterial aus DDR-Archiven zurückgehalten. Antisemitische Parolen wurden stets rasch und diskret entfernt, hätten sie doch das Ministerium für Staatssicherheit in Erklärungsnöte gebracht. Streng geheim blieb deswegen auch, dass die bundesrepublikanische antisemitische „Schmierwelle“ von 1959 in der DDR Nachahmer fand: Allein für Ost-Berlin wurden zwischen dem 1. Januar und dem 15. Februar 1960 immerhin 251 Hakenkreuzschmierereien und 55 weitere antisemitische Vorfälle gemeldet.

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Die wenigen in der DDR lebenden Juden bekamen das ihnen gegenüber geschürte Misstrauen vielfältig zu spüren. Ihr Verfolgungsschicksal wurde weitgehend ignoriert und tabuisiert, Restitutionszahlungen für die Überlebenden des Holocaust wurden – mit marxistisch-leninistischer Argumentation verbrämt – kategorisch abgelehnt. Jüdische Gemeinden standen unter staatlicher Aufsicht, Verbindungen zu westlichen Gemeinden wurden gekappt. Kontakte nach Israel waren schwierig, Loyalitätskonflikte vorprogrammiert, zumal das MfS den israelischen Geheimdienst des Missbrauchs „zionistischer“ Organisationen verdächtigte. SED-Parteimitglieder jüdischer Herkunft standen unter dem Verdacht des Kosmopolitismus und erhielten in den internen Kaderakten den Eintrag „Jude“.

Tragisch sind nicht zuletzt die Schicksale überzeugter kommunistischer Remigranten. Sie zahlten bisweilen einen hohen Preis, wenn sie sich im schlimmsten Fall die Einbürgerungsurkunde durch Spionage für die Staatssicherheit verdienen oder erkennen mussten, dass sie abermals verfolgt wurden, wie dies im Zuge der spätstalinistischen „Säuberungen“ und des offen antisemitischen Prager Slánský-Prozesses auch in der DDR geschah. Desillusionierung und konkrete Repressalien zogen einen Exodus nach sich. Zwischen 1946 und 1952 ging die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden von 2094 auf 977 zurück. 1989 hatten die fünf bestehenden jüdischen Gemeinden nur noch knapp 400 Mitglieder, 250 davon in der Ost-Berliner Gemeinde.

Mit diesem Klima der Angst und unverhohlen antisemitischen Auflagen war wiederum konfrontiert, wer dem, etwa im Buch oder Film, etwas entgegensetzen wollte – was gleichwohl mit bemerkenswertem Engagement, mit Kenntnis und Empathie geschah. Aber Ergebnis eines solchermaßen reglementierten Schreibens oder Sprechens über den Holocaust, das Judentum und antisemitische Vorurteile waren blinde Flecken, wenig Wissen und ein verzerrtes, destruktives Bild von Israel. Überwunden wurde der Antisemitismus in beiden deutschen Staaten nicht, und auch nach der Wiedervereinigung ist er virulent geblieben. Warum er nach wie vor der zivilgesellschaftlichen Aufmerksamkeit bedarf, geht aus dem erkenntnisreichen Band überzeugend hervor.

Andreas H. Apelt/Maria Hufenreuter (Herausgeber): Antisemitismus in der DDR und die Folgen. Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2016. 235 S., 14,95 €.