Antizionistischer Antisemitismus

Über die Besonderheiten im Spannungsfeld von antisemitischer und nicht-antisemitischer Israel-Kritik

Der Antizionismus spricht Israel das Existenzrecht ab. Bewusst oder unbewusst: eine solche Position läuft auf die Aufhebung einer gesicherten Zufluchtsstätte für die Juden und eine damit verbundene Verfolgung hinaus.

Al-Quds-Tag am 21.10.2006 in Berlin.
Al-Quds-Tag am 21.10.2006 in Berlin. (© Ralf Fischer/Agentur Ahron)

 

Definition und Formen des Antisemitismus

Antizionistischer Antisemitismus – was ist mit diesem sperrigen Begriff gemeint? Offenbar handelt es sich um eine spezifische Form der Judenfeindschaft. Worin bestehen aber die Besonderheiten gegenüber anderen Varianten des Antisemitismus? Es geht dabei um einen spezifischen Bezug zum Staat Israel. Aber worin bestehen die Unterschiede zwischen einer antisemitischen und einer nicht-antisemitischen Israel-Kritik? Diese Fragen sollen hier erörtert werden. Die Auseinandersetzung damit setzt eine Definition von wichtigen Bestandteilen der Bezeichnung „antizionistischer Antisemitismus“ voraus.

Zunächst geht es dabei um eine Begriffsbestimmung von „Antisemitismus“. Darunter versteht man eine Sammelbezeichnung für alle Einstellungen und Verhaltensweisen, die den als Juden geltenden Einzelpersonen oder Gruppen aufgrund dieser Zugehörigkeit negative Eigenschaften unterstellen, um damit eine Abwertung, Benachteiligung, Verfolgung oder gar Ermordung ideologisch zu rechtfertigen. Anders formuliert: Es handelt sich um eine Feindschaft gegen Juden, weil sie Juden sind.

Im Laufe der Geschichte bildeten sich unterschiedliche Formen des Antisemitismus heraus. Hierzu gehört erstens der religiöse Antisemitismus, der sich insbesondere auf den anderen Glauben der Juden bezieht, zweitens der soziale Antisemitismus, der den Juden Machenschaften im Bereich des Geldverleihs und Handels unterstellt, drittens der politische Antisemitismus, der ihr verschwörerisches Wirken zur Beherrschung der Welt behauptet, viertens der rassistische Antisemitismus, der Juden als von Natur aus böse und minderwertig ansieht, und fünftes der sekundäre Antisemitismus, der sich aus der Leugnung des Holocaust ergibt.

Definition des historischen und gegenwärtigen Zionismus

Als sechste Variante gilt der antizionistische Antisemitismus, der auf die Ablehnung des Staates Israel bezogen ist. Doch was meinen nun die Begriffe „Zionismus“ und „Antizionismus“? Allgemein versteht man unter Ersterem eine Bewegung im Judentum, die sich die Bildung eines eigenen Judenstaates zum Ziel gesetzt hatte. Derartige Tendenzen kamen im Europa des 19. Jahrhunderts als Reaktion auf den kursierenden Antisemitismus auf, sahen die Anhänger des Zionismus doch nicht mehr in der Assimilation und Integration in die Mehrheitsgesellschaft, sondern nur in dem Bestehen eines eigenen Staates die Möglichkeit für ein freies und sicheres Leben der Juden.

Trotz dieser grundlegenden Gemeinsamkeiten gab es nie einen politisch einheitlichen Zionismus als nationale Emanzipationsbewegung der Juden. Darüber hinaus lassen sich unterschiedliche Zielsetzungen im Laufe der historischen Entwicklung unterscheiden, stand der Zionismus doch seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre nur für den Wunsch nach einer Heimstätte, danach für eine Rettungsbewegung für die von den Nationalsozialisten verfolgten Juden und ab 1948 für das inhaltliche Selbstverständnis des neu gegründeten Staates Israel. Aktuell lässt sich nur noch im letztgenannten Sinne sinnvoll vom Zionismus sprechen, ist das ursprüngliche Ziel doch durch die Staatsgründung erreicht worden.

Definition und Varianten des Antizionismus

„Antizionismus“ bedeutet demnach die Ablehnung des Existenzrechtes des Staates Israel, also die Negierung des Anspruchs von Juden auf nationale Selbstbestimmung. Bewusst oder unbewusst läuft diese Position auf die Aufhebung einer gesicherten Zufluchtsstätte für die Juden und eine damit verbundene Verfolgung hinaus. Als abgeschwächtere Variante des Antizionismus kann die pauschale „Verdammung“ Israels als negativer Kraft gelten, welche nicht notwendigerweise mit der ohnehin unrealistisch erscheinenden Forderung nach Aufhebung der staatlichen Existenz verbunden sein muss. So wird der Staat der Juden als angeblich alleiniger Verantwortlicher für den Nahost-Konflikt verantwortlich gemacht, wobei häufig diffamierende historische Gleichsetzungen selbst mit dem deutschen Nationalsozialismus erfolgen. Aufgrund der in beiden Formen auszumachenden rigorosen Feindschaft gegenüber den Juden und dem Staat Israel steht hinter solchen Auffassungen von Antizionismus mitunter auch ein latenter Antisemitismus. Gleichwohl lässt sich keine pauschale Gleichsetzung von Antisemitismus und Antizionismus vornehmen.

Das Verhältnis von Antisemitismus und Antizionismus

Historisch betrachtet stellten die Zionisten bis zum Holocaust auch eine Minderheit unter den Juden dar. Überwiegend waren sie zur Assimilation in den jeweiligen Ländern bereit und lehnten eine Auswanderung nach Palästina ab. Erst nach den Massenmorden während des Zweiten Weltkriegs änderte sich dies. Insofern herrscht unter den Juden in- und außerhalb Israels eine pro-zionistische Auffassung vor. Gleichwohl bestehen noch Minderheiten mit gegenteiligen Auffassungen. So lehnt etwa eine religiös-orthodoxe Strömung die Existenz Israels ab, sollte doch der Judenstaat aus deren Perspektive von Gott und nicht von Menschen geschaffen werden. Dieser Antizionismus geht aber nicht mit einem Antisemitismus einher.

Anders verhält es sich bei den fundamentalen Israel-Feinden im arabischen Raum: Hier wird vielfach die Auffassung propagiert, man sei kein Antisemit, sondern nur Antizionist. Unbeantwortet bleibt bei entsprechenden Positionierungen aber die Frage, wie die von diesen Kreisen geforderte Auflösung oder Zerschlagung des Staates Israel nicht mit einer Diskriminierung von Juden einhergehen sollte. Gerade solche Folgewirkungen machen aus dem Antizionismus auch einen Antisemitismus. Seine Verkopplung mit der rigorosen Verdammung des Staates Israel wird daher als antizionistischer Antisemitismus bezeichnet.

Antisemitische und nicht-antisemitische Israel-Kritik

Eine solche Bündelung sollte auch gegeben sein, wenn man eine antisemitische von einer nicht-antisemitischen Israel-Kritik unterscheiden will. Nicht jede einseitige und überzogene Negativ-Bewertung des Staates Israel muss in judenfeindlichen Motiven ihren Ursprung haben. Es sollte hier immer nach den jeweiligen inhaltlichen Grundlagen der Kritik gefragt werden: Legt man einen besonders hohen Maßstab an, weil Israel ein demokratischer Verfassungsstaat ist und sich entsprechend auch immer an die damit verbundenen Wertvorstellungen halten sollte? Oder legt man einen besonders hohen Maßstab bei der Einschätzung der Politik des Landes an, weil man damit um so unverhohlener eine latent antisemitische Einstellung scheinbar berechtigt artikulieren kann? Gerade diese Grundlage muss nachweisbar sein, will man von einem antizionistischen Antisemitsmus sprechen. Er findet sich sowohl bei Islamisten wie bei Rechtsextremisten. Im ersten Fall bildet der Antizionismus die Basis, die durch Antisemitismus aufgeladen wird. Bei den Rechtsextremisten bildet der Antisemitismus den Kern, der durch den Antizionismus ergänzt wird.

 

2 Gedanken zu „Antizionistischer Antisemitismus

  1. image001

    Sehr geehrter Wolfgang Kahl,

    als ehemaliges Mitglied der SPD – ausgetreten wegen des Antisemitismusvorwurfs leitender Funktionäre: ZIONISMUSKRITIK UND SPD-MITGLIEDSCHAFT http://wp.me/pxqev-2cT – würde mich schon interessieren, ob Sie nach einem Versuch der Widerlegung meiner BLUEPRINTtheorie immer noch als Propagandist des zionistischen Antisemitismusvorwurfs http://wolfgangkahl.de/antizionistischer-antisemitismus/ , der eine Waffe darstellt http://wp.me/pxqev-F3 , auftreten würden?!

    Sollten Sie aber materiell darauf angewiesen sein, Ihr evidentes Geschäftsinteresse weiterhin Ihr wissenschaftliches Erkenntnisinteresse dominieren zu lassen, so vergessen Sie mein Interesse an Ihrer Rückmeldung und genießen Sie Ihren „jüdischen“ Staat Israel, der sich vor allem dadurch von allen anderen Nationen abhebt, dass er – wie einst das Dritte Reich – den RASSISMUS ALS STAATSDOKTRIN etabliert hat.:

    Mit freundlichem Gruß

    Gerd Weghorn

    Gerd Weghorn
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    53179 Bonn
    Fon 0228 – 34 10 36
    mobil 0177 – 418 82 81
    weghorn@profiprofil.de

    das BUCH dialogbuch
    der BLOG blogfighter
    SPON forum1 forum2
    FAZ FAZ
    freitag freitag
    die VITA weghorn persönlich

    Woher kommt eigentlich
    mein INTERESSE,
    den WIDERSPRUCH Dritter nicht
    tolerieren, aushalten, herausfordern,
    geschweige denn loben oder gar lieben
    zu WOLLEN?!
    Aus meiner UNFÄHIGKEIT, wirklich denken zu KÖNNEN?!
    Aus meiner EXISTENZANGST, meiner Feigheit vor den Feinden der Menschheit?
    Aus meinem SELBST VERSCHULDETEN Defizit in Sachen „professionelle Kampfkompetenz“?!
    Wem nützt diese meine UNFÄHIGKEIT wirklich?!

  2. Schade, dass der Kommentar von Beleidigungen gegen meine Person gespickt sind. Aber: was juckt es die Eiche, wenn sich die „Wutz“ an ihr kratzt? Die Partei hat schon recht gehabt, sich von solchen Antisemiten zu trennen, die auch noch nicht einmal die Kenntnisse haben, Antisemitismus und Antizionismus unterscheiden zu können. Mehr möchte ich hier nicht sagen, sonst werde ich unsachlich und ich möchte mich nicht auf die gleiche Stufe stellen, wie der Verfasser des Kommentars.

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