Martin Luther: Von den Juden und ihren Lügen

BONN. (hpd) Karl-Heinz Büchner u.a. haben Martin Luthers judenfeindliche Hetzschrift „Von den Juden und Ihren Lügen“ neu herausgegeben und in heutiges Deutsch übertragen, wobei deutlich wird: Der Reformator forderte – mit Ausnahme der systematischen Ermordung – das Gleiche wie die späteren Nationalsozialisten. Bedauerlich ist, dass die Herausgeber es bei einem kurzen Vorwort belassen und kaum etwas zur Rezeptionsgeschichte schreiben.

„Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung“, so Adolf Hitler, und weiter: „sah er den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen.“ Auch der Herausgeber des „Stürmer“, Julius Streicher, berief sich bei den Nürnberger Prozessen auf den Judenhass des Reformators: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank …“

Handelte es sich hier jeweils nur um eine politische Instrumentalisierung, die nichts mit dem wohl historisch wirkmächtigsten Deutschen zu tun hat? Diesen Eindruck kann man gewinnen, sofern sich die Aufmerksamkeit nur auf die auf dem Buchmarkt präsente Literatur von Luther richtet. Eine bedeutsame Schrift wurde indessen nach 1945 nicht mehr veröffentlicht: „Von den Juden und ihren Lügen“ aus dem Jahr 1543. Sie fand im Nationalsozialismus noch große Verbreitung. Der Landesbischof von Thüringen Martin Sasse hatte denn auch 1938 noch mit Auszügen aus dem Buch die Diskriminierung von Juden gerechtfertigt und Luther als „den größten Antisemiten seiner Zeit“ bejubelt.

Erst jetzt liegt wieder eine Neuausgabe dieser Schrift vor. Karl-Heinz Büchner, Bernd P. Kammermeier, Reinhold Schlotz und Robert Zwilling haben sie herausgegeben. Im Vorwort begründen sie dies u.a. mit den Worten: „Sie lädt … auch dazu ein, das 2017 zu Ehren Luthers im Land des Holocaust stattfindende Reformationsjubiläum im Lichte der Gesamterscheinung des Reformators kritisch zu überdenken“ (S. 11).

In der Tat macht der Text deutlich, dass Luther ein glühender Judenhasser war. Man findet darin sogar Frühformen des Rassismus, wie folgendes Zitat veranschaulicht: „Und dieser trübe Bodensatz, dieser stinkende Abschaum, dieser eingetrocknete Bodensatz, dieser verschimmelte Sauerteig und sumpfige Morast von Judentum sollten mit ihrer Reue und Gerechtigkeit das ganze Weltreich, also die Erfüllung des Messias und der Prophezeiungen verdient haben, obwohl sie doch keine der oben aufgezählten Bedingungen erfüllen und nichts sind als ein fauler, stinkender, verrotter Bodensatz vom Blut ihrer Väter?“(S. 201).

Darüber hinaus wird deutlich, dass Luther mit Ausnahme der systematischen Vernichtungspolitik bereits alle späteren Maßnahmen der Nationalsozialisten gegen die Juden vorweggenommen hatte. Er forderte:

Erstens, dass man ihre Synagogen oder Schulen anzünde und was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und überschütte, sodass kein Mensch für alle Zeiten wieder Stein noch Schlacke davon sehe … Zweitens sollte man auch ihre Häuser abbrechen und zerstören, denn sie treiben darin genau das gleiche, wie in ihren Synagogen. … Zum dritten möge man ihnen alle ihre Gebetbüchlein und Talmude nehmen, in denen solcher Götzendienst, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird. Zum vierten soll man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbieten, weiterhin zu lehren. … Zum fünften soll man den Juden das freie Geleit auf den Straßen ganz und gar verwehren und verbieten (S. 247, 249, 251).

Der Philosoph Karl Jaspers bemerkte demnach zutreffend: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“

Den Herausgebern kommt das Verdienst zu, an diese gern verdrängte Tradition kritisch erinnert zu haben. In ihrer Neuausgabe dokumentieren sie den Originaltext aus der zweiten erweiterten Auflage von 1543 auf den geraden Seitenzahlen und eine im heutigen Deutsch gehaltene Textfassung auf den ungeraden Seitenzahlen. Begriffserläuterungen machen Anspielungen und Namen deutlich. Bedauerlich an dieser beachtenswerten Editionsleistung ist indessen, dass sie nur ein kurzes Vorwort enthält. Auch wenn der Text für sich allein steht, hätte man doch gern mehr zur Entstehung der Hetzschrift gewusst, zumal sich Luther in den Jahren zuvor noch judenfreundlicher gegeben hatte. Auch wären ausführlichere Informationen zur Rezeptionsgeschichte wichtig gewesen. So kommen etwa Auszüge aus der Schrift in den antisemitischen Hetzfilm „Jud Süß“ vor. Die Liste mit weiterführender Literatur beschränkt sich gerade mal auf fünf Titel, da gibt es viel mehr. Gleichwohl ist die Neuedition wichtig, man darf auf Reaktionen darauf von Kirchenseite überaus gespannt sein.

Karl-Heinz Büchner/Bernd P. Kammermeier/Reinhold Schlotz/Robert Zwilling (Hrsg.), Martin Luther. Von den Juden und ihren Lügen. Erstmals in heutigem Deutsch mit Originaltext und Begriffserläuterungen, Aschaffenburg 2016 (Alibri-Verlag), 347 S., 20,00 Euro