Tote für Metalldetektoren?

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Von Richard C. Schneider

Es kam, wie es kommen mußte. Israel beharrte auf Metalldetektoren, um beim Aufgang zum Tempelberg gläubige Muslime zu kontrollieren, ob sie Waffen nach oben schmuggeln.

Und prompt kam es nach dem gestrigen Freitagsgebet zu massiven Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis in Jerusalem und Westjordanland. 3 Palästinenser wurden bei den Unruhen getötet, in einer jüdischen Siedlung drang ein Palästinenser ein und tötete drei Israelis. Mehr als 400 Menschen wurden gestern verletzt. Und warum das alles? Wegen Metalldetektoren?
Das Problem am palästinensisch-israelischen Konflikt ist die Frage wo man den Ausgangspunkt wählt, also den Punkt, von dem aus sich die Geschichte entwickelt. In diesem Fall würde man also zunächst auf die Ermordung zweier drusisch-israelischer Polizisten vor einer Woche zurückgehen. Sie wurden ermordet von zwei Palästinensern mit israelischem Pass, sie gehörten also zu den rund 1, 5 Millionen Arabern, die innerhalb Israels, innerhalb der Grünen Linie leben. Sie hatten Waffen auf den Tempelberg geschmuggelt und diese dann eingesetzt.
Was liegt also näher als ab sofort Metalldetektoren einzusetzen, um dafür zu sorgen, daß keine Waffen mehr nach oben gelangen? Man darf nicht vergessen: Direkt unterhalb des Plateaus ist die „Klagemauer“, wo Juden beten. Während der Intifadas haben Palästinenser öfters von oben Steine auf die Betenden geworfen. Wenn sie weiter Waffen nach oben bringen könnten, wäre es ein Leichtes für sie, ein Blutbad anzurichten, in dem sie z.B. von oben herunterschießen.
Nach der Ermordung der beiden Israelis waren Netanjahu und Palästinenserpräsident Abbas erst einmal in Kontakt. Man wollte das Schlimmste verhindern. Doch was tun, um so etwas nicht mehr zuzulassen? Also: Metalldetektoren. Auch beim Zugang zur Klagemauer gibt es sie. Wer dort beten will, muß durch diese Kontrollen. Es gibt solche Kontrollen in Mekka und anderswo, sie sind inzwischen überall, an vielen heiligen Orten aller Kulturen und Religionen.
Warum also jetzt dieser Gewaltausbruch, nur weil ein paar Metalldetektoren aufgestellt werden? Nun, zum einen sind sie von den Besatzern aufgestellt, wie die Palästinenser das erklären würden, zum anderen sehen Muslime das als einen Bruch des Status quo auf dem Tempelberg an. Die Befürchtung, daß die Israelis sich den Tempelberg ganz einverleiben wollen, ist immer da. Nahrung für diese Angst geben die immer wieder von der israelischen Regierung genehmigten Besuche radikaler Siedler auf dem Plateau. Sie wollen dort beten, wo der jüdische Tempel einst stand und sie wollen so auch demonstrieren, daß dieser heiligste Ort für Juden auch Juden zugänglich ist, daß er ihnen gehört. Für die Muslime sind das Provokationen für die nationalreligiösen Juden ihr religiöses Recht. Zum anderen geben seit Jahrzehnten absurde Gerüchte der Angst der Muslime Nahrung, wie etwa, daß die Juden unterhalb des Berges graben, um Al-Aksa und Felsendom einstürzen zu lassen. Das Gegenteil ist der Fall. Als der Waqf vor einiger Zeit um die Al-Aksa-Moschee Arbeiten verrichten ließ, drohte eine Mauer einzustürzen. Israelische Archäologen und Ingenieure boten Hilfe an, doch die wurde abgelehnt, man holte sich Hilfe aus Jordanien und Israel ließ die Experten natürlich hinein.
Also: Vom Ausgangspunkt der Ermordung zweier Israelis letzte Woche würde man sagen: Die Israelis haben doch Recht, daß sie Sicherheitsschleusen aufstellen. Und daß sie gestern nur Männer über 50 auf den Tempelberg ließen, ist auch schon in der Vergangenheit geschehen, während der Intifadas zum Beispiel. Ein Versuch, die Lage zu deeskalieren. Das geht regelmäßig schief, aber das ficht die israelische Polizei nicht an. Oben will man es ruhig haben. Dann schon lieber Unruhen unten auf den Straßen, das ist weniger „heißes“ Gebiet. Warum wegen ein paar Metalldetektoren solche Aufregung? Das ist das Recht eines Staates, ja, die Pflicht, seine Bürger zu beschützen. Ähnliches geschieht ja inzwischen auch in manchen Teilen Europas
Geht man jedoch zeitlich zurück, also lange vor der Ermordung der beiden Polizisten, dann lautet das Argument: Die Besatzung ist schuld an der Situation, die Muslime können es nicht akzeptieren, daß der Tempelberg nicht ihnen gehört, auch wenn sie oben das Sagen haben. Die Besatzung ist also an allem schuld, wäre jetzt die Schlußfolgerung
Und wieder zeitlich etwas zurückgesprungen, immer noch in der Zeit der Besatzung, aber mal so 30, 40 Jahre zurück, da waren Juden auf dem Tempelberg noch willkommen, sie konnten ohne Probleme und ohne Sicherheitsvorkehrungen den Tempelberg besuchen. Und der Waqf leugnete auch nicht – wie heute – daß dort, wo Al-Aksa und Felsendom stehen, früher der Erste und der Zweite jüdische Tempel standen. Die Fundamentalisierung auf beiden Seiten ist schuld, würde man jetzt als Erklärung anbringen
Und noch weiter zurückgesprungen, also vor 1967, da hatten Juden keinerlei Zugang zu ihrem wichtigsten Heiligtum, der „Klagemauer“, der Westmauer des Zweiten Tempels.

Die Araber hatten ihre Häuser bis auf wenige Meter an die Mauer herangebaut… Die Araber haben keine Religionsfreiheit gewährt, wie die Israelis dies tun, könnte man nun als Begründung ansehen.
Und wieder weiter zurückgesprungen…
Verstehen Sie, was ich meine? Der Blickpunkt, der Standpunkt kann sich verändern, je nachdem, auf welcher Seite man steht, wo man den „Beginn der Geschichte“ ansetzen will. Es ist eine Endlosspirale.
Und was ist nun? Bereits gestern war aus den Erklärungen von Polizei und Politik herauszulesen, daß beide keine Verantwortung für das Aufstellen der Metalldetektoren übernehmen wollten. Die Polizei meinte, es sei eine Entscheidung der Politik, ob diese nun bleiben oder wegkommen. Und die Politik sagte, die Polizei entscheide, was zur Sicherheit beiträgt.
Sicher ist: Die erste Entscheidung (der Politik), diese Metalldetektoren zur Sicherheit aufstellen zu lassen, ist auf dem ersten Blick vernünftig, logisch und verständlich. Was spielt es für eine Rolle, wenn man kurz durch so ein Ding durch muß, ehe man zum Gebet geht? Am Flughafen macht man das doch auch – so könnte man säkular-rational argumentieren.
Aber so einfach ist es eben nicht. Alles, was auf dem Tempelberg geschieht, hat Sprengkraftcharakter und kann wie ein Funken einen Flächenbrand auslösen. Die Frage ist also: Ist es das wert, daß man scheinbar für Sicherheit sorgt, wenn man damit nur Unsicherheit, noch mehr Unsicherheit erntet? Doch was soll eine Regierung wirklich tun nach einem Attentat wie dem letzter Woche? Nichts? Business as usual? Auch das geht nicht. Es ist also ein bißchen die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ach, die israelische Regierung sollte die Besatzung beenden? Ja, schöne Idee. Unrealistisch. Und im Augenblick – aus politischen und sicherheitstechnischen Gründen – unmöglich. Leider. Aber so ist es.
Und nun? Wie weiter? Palästinenserpräsident Abbas hat die diplomatischen Beziehungen mit Israel abgebrochen. Er mußte sich auf das schnaubende Pferd setzen, ist er doch sowieso schon unbeliebt und verhasst bei seinem eigenen Volk. Irgendwann wird er wieder mit Israel reden. Muß er auch, da er auf Israel angewiesen ist (und umgekehrt). Es ist eine Geste. Vielleicht wird sie die Wut der Palästinenser gegen Israel noch anfachen, vielleicht wird sie für etwas Ruhe sorgen.
Wenn man die Gesetzesmäßigkeiten dieser Ausbrüche kennt, dann muß man leider sagen: Es werden wohl in den nächsten Tagen noch mehr Menschen sterben. Und nun geht es darum, daß die Politik auf beiden Seiten irgendwie für eine Deeskalation sorgt. Hoffentlich gelingt das. Denn wenn nicht – dann wird’s noch blutiger. Aber eine Lösung wird nach weiteren Toten, vielen Toten möglicherweise, auch nicht auf dem Tisch liegen.

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